Aus dem Gemeindearchiv -1/2016

Bericht des Archivars: Im Jahre 1850 begann der Winter in Roggenburg am 19. Oktober

Im Jahre 1850 begann der Winter in Roggenburg am 19. Oktober

 

Dem Schriftverkehr der gräflichen Gutsverwaltungen sind häufig interessante Informationen zu den damaligen Verhältnissen in unserer Region zu entnehmen. So schreibt der gräfliche Verwalter der Roggenburger Güter, Friedrich Ringler, am 24. Oktober 1850 an seinen Dienstherrn Graf Ludwig von Geldern-Egmont auf Schloss Thurnstein, dass es in Roggenburg seit 5 Tagen ununterbrochen schneie. Die noch belaubten Bäume könnten die Schneelast nicht tragen und würden reihenweise zusammenbrechen.

 

Der Brief ist auch in anderer Hinsicht sehr aufschlussreich. Er belegt, dass bereits vor 1850 Graf Ludwig von Geldern in Einvernehmen mit seinem Großonkel, dem Grafen Friedrich von Spaur, dem damaligen Besitzer der Roggenburger Güter, die Oberaufsicht des Fideikommisses (unteilbares Vermögen) innehatte. Im Mai des Jahres 1853 verstarb Graf Friedrich. Sein Sohn, der junge Erbgraf Franz von Spaur, war K.u.K.-Offizier bei den Kaiserjägern in Wien und führte dort ein aufwendiges Leben, ohne Interesse an der Verwaltung und Erhaltung des geerbten Vermögens zu zeigen. Nach längerem Drängen verkaufte er dann doch anno 1853, auch wegen

hoher Spielschulden, die gesamten Roggenburger Güter an den Grafen Ludwig von Geldern.

 

Nachstehend eine Transkription des Originalbriefes.

 

Roggenburg, am 24. Oktbr 1850


Hochgeborener Herr Graf

Gnädiger Herr!

 

Gehorsamster Bericht

des gräfl. v. Spaur´schen Secretairs Ringler

 

Die Zustände des Gutes Roggenburg betr.

 

Herr Baron v. Guttenberg sind bis heute dahier nicht eingetroffen, was ich  umso mehr bedaure, als noch einige unverschiebliche Repataturen vor Eintritt des Winters höchst notwendig hätten hergestellt werden sollen.

 

Wir haben gegenwärtig dahier eine sehr bedauerliche Witterung.

Seit 5 Tagen schneit es ununterbrochen fort.

 

Die noch vollbelaubten Bäume können der Last des auf sie sich legenden Schnees nicht widerstehen sie brechen theils mitten am Stamm ab, theils werden sie mit den Wurzen aus dem Boden gerißen.

 

Der schöne Dannenbaum am Schlosse liegt abgerissen am Boden, gleiches Loos traf den Waidenbaum am Weiher, eine Straße hinten, zeigen sich abgeknickt und das niedere Gesträuch liegt auf dem Boden als ob eine schwere Walze über dasselbe geführt worden wäre.

 

Im Bräugarten ist eine gleiche Verherung ersichtlich und in den unteren Anlagen am Weiher sieht es aus, als ob eine Holzfällung vorgenommen worden wäre.

 

Ich lasse das abgerissene und abgefallene Holz demnächst sammeln und in Verwahr bringen.

 

Pächter Rudolph auf Waldhausen hat unlängst einen steinernen Viehbarren, welcher, wie er mir sagte, schon längst bestellt worden sein soll, in Heidenheim geholt, und derselbe wurde nun in den Stall gebracht und eingemauert.

 

Daß der alte Barren nicht mehr verwendet werden konnte hievon habe ich mich selbst überzeugt, wer aber ein neues steinernes anschaffte, weiß ich nicht, Pächter sagte mir, Herr Graf Fritz hätten die Anschaffung dieses Barren befohlen.

 

Die Gräben sind hier, wie in den übrigen Maiereien sämtlich und zweckdienlich geöffnet worden.

 

Weiteres weiß ich nichts zu berichten und wünsche blos zum Schluße noch, daß Herr Graf mit den hochverehrten Ihrigen sich recht wohl und gesund befinden möchten, womit ich mich mit aller Verehrung und Hochachtung empfehle, als

 

Euer Hochgeboren untertänigst treuer gehorsamster

Fritz Ringler  

 

Grossansicht in neuem Fenster: Brief Ringler

 

 

Lothar Mareis, Gemeindearchivpfleger

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